Sehen und Hören

 

Sehen und Hören: die Kraft der Sinne in Manuela Kreibig-Wentzels Bildern

 

Die Farbe ist ein Mittel, einen direkten Einfluss auf die Seele auszuüben.

W. Kandinsky

 

Die Kunst des Bildlichen wird mit der Kraft der Musik verknüpft: so werden die beiden Sinneseindrücke, nämlich das Gehör und das Sehen, verbunden.
Es entsteht dabei die so genannte Synästhesie (was soviel bedeutet wie etwas zugleich empfinden), ein Phänomen, das die Künstlerin Manuela Kreibig-Wentzel für ihr kreatives Schaffen herangezogen hat.

 

Musik lässt sich von der Malerei inspirieren: Viele kennen das bekannte Werk „Bilder einer Ausstellung“ von dem russischen Komponist Modest Mussorgsky, welches von den Werken eines Freundes angeregt wurde und das Modest Mussorgsky auf seine Malerei musikalisch übertragen hat.

 

Malerei kann sich aber auch inspirativ an der Musik bedienen: ein Beispiel dafür sind Paul Klees Werke, die der Künstler geschaffen hat, während er den klassischen Komponisten oder Jazzmusik gelauscht hat. Klees Musikalität betonte den Aspekt des Rhythmus in Form von bildlichen Taktformen.

 

Musik und Malerei – zwei verschiedene Künste? Ja, aber sie haben auch eine gemeinsame Wurzel, eine Wurzel, von der Kandinsky sagt, sie beinhalte einen „ursprünglichen“ Klang.

 

Die Malerin sagt dazu:
„Ich habe eine Serie von Bildern geschaffen, indem ich ganz gezielt mit Musik gearbeitet habe“. Klänge werden Formen, Melodie wird Farbe. Manuela Kreibig-Wentzel möchte ihr Erleben an ihre Betrachter/Zuhörer weitergeben und begleitet sie durch ihre abstrakten Bilder zu Farberlebnissen. Ausgangspunkt ist dabei, dass jeder Mensch ein Potential an Vorstellungskraft besitzt und, zusammen mit der gehörten Musik, ein synästhetisches Erlebnis empfinden kann.

 

Wie das geschieht? Indem man sich einfach von den Farben der Werke und den Klängen der Musik inspirieren und fallen lässt und durch diese sinnliche Wahrnehmung einen Farbenrausch spürt.

 

Dabei viel Vergnügen!

Mozarts Leichtigkeit des Seins

Die Leichtigkeit und Anmut der sanft nuancierten Farbtöne Rot und Blau zusammen mit den Gegensätzen Schwarz und Weiß schweben in verschiedene Ebenen unseres Bewusstseins. Die Farben sind dabei bildlich in kastenförmigen Schachteln enthalten und glatt und samtartig aufgetragen, so dass sie die Seele förmlich zu streicheln scheinen.

 

Das Mozart Cellokonzert F-Dur KV370 wurde von Manuela Kreibig-Wentzel als Inspirationsquelle für diese Arbeit gewählt. In der Tat korrespondieren die vibrierenden Klänge aus Blau und Rot, laut Kandinsky, besonders gut mit dem Cello.

 

Das Bild ist vom Tempo des Allegros der Musik bestimmt: leicht, anmutig und harmonisch wie die verschiedenen Farbtöne, die sanft ineinander fließen.

Andante

Die Farbvibration, d.h. die Farbe besitzt eine psychische Wirkung, die die Seele erreicht, steigert sich in diesem Bild, in dem die großzügigen aufgetragenen Farben das Sehen und andere Sinne ansprechen. Es gibt keine einzige unbemalte Stelle in diesem großformatigen Bild. Alles ist Farbe. Die Farbharmonie verschmilzt mit den Streichinstrumenten aus Mozarts Streichquartett in re minore Kv 421 und man könnte die Gesamtkomposition wie folgt resümieren:

Mozarts Streichquartett in re minore Kv 421:

  • Violine/ Geige: Magenta
  • Viola/Bratsche: Kadmiumrot
  • Violoncello: Violett
  • Kontrabass: Purpur

Dirigentin: Manuela Kreibig-Wentzel

Ravels Klänge

Klänge im Wirbel: der ständige Crescendo aus dem berühmten Stück von Ravel – Bolero – wird bildlich in zwei Etappen dargestellt. Den Beginn machen Rot und ein gedecktes Blau, die sich langsam zu kreisförmigen Schwingungen herausbilden. Die Farben wechseln hinüber zu Gelb – Rot und Blau wechseln, mischen sich ineinander und entwickeln andere Tonfarben, die ebenso kreisförmig aufgetragen sind: sie referieren auf die Kombinationsthemen dieses brisanten Orchesterstücks.

Die Künstlerin dringt in die schwungvolle und äußerst rhythmische Musik von Maurice Ravels ein: so entstand ein impressionistisches Werk. Der Bolero, der 14 Minuten Spielzeit beträgt, stellt hier visuell die Eindrücke und Stimmungen dar: eine feuerwerkartige Explosion von Farben, die wirbelartig beginnt und eins nach dem anderen „aufblüht“, ebenso wie die nacheinander einsetzenden Instrumente im Bolero. Die runden, schwungvollen Formen rufen auch tänzerische Attitüden hervor. Ein Tanz und Klang der Farben!

Jahreszeiten

Erde, Wasser, Luft und Feuer: die vier Elemente der Natur werden in vier ebenso dynamischen Abbildungen wiedergeben, die mithilfe des berühmten Werks von Vivaldi entstanden sind. Die poetische Erzählung der Natur wird durch verschiedene Farbvariationen künstlerisch realisiert, die in Formen und spontanen Farbtupfen gipfeln.

Sie lassen den Betrachter eine leichte Brise, eine starke Hitze, einen stürmischen Windstoß oder den Eindruck Schnee empfinden: aus einer Blume erkennt man ihren Schatten, die ockerfarbene Erde steht unter einer großen dunkelgrauen Wolke, der nächtliche, dunkelblaue Himmel birgt Schnee in sich. Das wiederholte Ritornell der Farben und Formen, die fast voneinander abgegrenzt sind, ist in den Bildern augenscheinlich.

Allegro, allegro non molto, allegro, allegro non molto: in dieser Sequenz sind jeweils die vier Sätze der Jahreszeiten enthalten, die einen Hauch von warmen Tönen im Sommer und in Winter bekommen, während kalte Farben in Frühling und Herbst in Vordergrund stehen.

Capriccio

Die raschen und spontan aufgetragenen Flecken in Blau, die verschiedene, dunklere und hellere Schichten bilden, füllen die ganze Fläche des Bildes und stellen einen schier unendlichen Himmel dar.
Eine kleine rote Gestalt in der Mitte des Bildes trägt gegenständliche Züge. Es scheint eine Marionette zu sein, mitten in der weiten Atmosphäre schwebend und von ihren Fäden losgelöst. Wie eine witzige Figur oder ein Gnom, versucht die Marionette, melancholisch und lustig zugleich, sich in die unzähligen Verwirrungen und Schwierigkeiten des Seins, einen Weg zu bahnen. Hinter ihr begleitet sie ein ursprüngliches und intensives Licht.

Oben rechts im Bild erscheinen die roten, karikaturhaften Gesichtszüge eines großen Geistes, der ironisch und spöttisch über der Marionette (und dem Leben) steht. Hier verstößt die Malerin gegen alle Regeln: phantasievoll und spielerisch überschreitet sie die Normen der Kunst und des Lebens, dabei entsteht ein Capriccio.
Über dem Bild schwebt eine launische und scherzhafte Melodie aus Farbeindrücken und witzigen Gestalten: Carlo Muniers spanisches Capricciostück op. 276 für Mandoline und Gitarre ist der Klang, der die Künstlerin zu diesem Werk angeregt hat.

Genesis

Aus der Galaxie einer ätherischen Materie scheint sich bei diesem Bild ein Lichtweg gebildet zu haben …
War es eine Gewalt wie durch einen Urknall? Ist dies die Entwicklung des Lebens? Könnte man sich eine größere Entität vorstellen? Was entstand aus dem Chaos?

Violett ist die Farbe der Spiritualität. Sie lässt freien Raum für die oben angedeuteten Überlegungen, während die schwarzen, fleckartigen Formen, die von oben und von unten zu kommen scheinen, versuchen, sich zu verbinden. Wie die Berührung der zwei Hände in Michelangelos Schöpfung suggeriert die Malerin den Moment der Schöpfung des Menschen. Das intensive, helle Licht, das von oben kommt, nimmt in der unteren Hälfte des Bildes mehr Raum ein, um die Aura des Mysteriums zu betonen.

Haydns Oratorium umschwebt die Atmosphäre: der Chor der gleichzeitig aufgetragenen Farbnoten unterstreicht die Kraft und die Gewalt dieses Momentes.

Wagnerianischer Sturm

Eine Skizze von einem Menschenkopf, links im Bild abgebildet, findet sich reflektiert in einem weißen Spiegel: es ist ein Mann ohne Gesichtzüge, ohne Identität. Es ist ein Spiegel, der kein Spiegel ist. Der Kopf und der Spiegel lösen sich in Teile auf und verlieren beide ihre Ursprünglichkeit.
Die Dekonstruktion der Formen kommt wie einen Sturm unter dem Einfluss Wagners Musik. Die Abstraktion der Gegenstände schmilzt mit den Noten Wagners Walküren Ritt.

Oder:

Die weiße Stelle in der Mitte des Bildes ähnelt der Walkürenfelsen auf dem Brünnhilde zum ewigen Schlaf von Wotan verurteilt wurde. Beschützt wird sie von Feuer (rote Elemente rund um das Bild) und einem Meer von Schlangen (wiederum die schwarze Stellen) bis ein wahrer Held kommt und sie weckt (Siegfried). In dem runden Element links unten könnte man das wachende Auge Wotans sehen. Der Walküre Ritt aus Wagners Oper schwebt um das werdende Bild.

Improvisationen zu Opern

Diese vier Bilder können bildlich ineinander fließen und stellen symbolisch vier weiblichen Persönlichkeiten und deren Emotionen. Eine Hommage der Malerin an ihre Favoritin der Opernwelt: die Sopranistin Maria Callas.

Mimì

Ein Meer aus leicht bewegten Wellen: überwältigend ist die Kraft des intensiven Türkis, um das Element des Wassers visuell darzustellen.
Die Zärtlichkeit und Zerbrechlichkeit von Mimi, die Hauptdarstellerin von Puccinis Oper La Bohème, wird in diesem Bild romantisch und in der Reinheit des Wassers symbolisch dargestellt. Ein Bild wie die Liebe einer Frau, just in dem Moment, in dem sie sich verliebt. Das Auge des Betrachters sucht Vertiefung und Ruhe in Blau und Grün, während die Klänge der berühmten Arie seelische Vibrationen hervorrufen, die durch die gekräuselten Wellen des Wassers dem höheren Gesangklang der Arie ähneln. Die feinen und (wasser)reinen Farbnoten von Mi chiamano Mimí färben die ganze Atmosphäre dieses Werks.

Madama Butterfly

Ein weiches Feld aus grünem Gras, durchwirkt mit einzelnen Teichen, beherrscht dieses Bild. Zarte und samtartige Nuancen aus Grün und Blau entfalten sich auf der gesamten Bildfläche und verleihen eine stimmungsvolle Atmosphäre.
Die Auflösung der Formen führt zur Abstraktion und Verschmelzung der landschaftlichen Ebenen, so dass man einen Eindruck hat, einen besonderen Augenblick zu erleben. Die Wirkung des Gemäldes bleibt aber nicht allein an der Oberfläche, denn die Farben werden so aufgetragen, dass sie eine Tiefenwirkung haben.
Diese Tiefe wird weiter auf eine psychologische Ebene übertragen. Bei Un bel dì vedremo der Noten von Puccinis Arie im zweiten Akt, wurde von der Künstlerin der Charakter der Madama Butterfly dargestellt.
Die Variation der großzügigen Pinselstriche ist wie durch einen Hauch Melancholie betont. Die Verzweiflung der Butterfly, die seit drei Jahren auf die Rückkehr ihres amerikanischen Ehemanns wartet, zeigt in dieser Arie eine innere Hoffnung. Der hoffungsvolle Augenblick weht kräftig und leicht wie ein Wind zugleich und wird im ganzen Bild poetisch spürbar. Doch das bittere Ende ist kaum aufzuhalten. Keine weiteren Farben werden ins Bild gesetzt.

Tosca

Eine Farbenpalette im grünen und blauen Bereich: Dunkelblau, Türkis, Salbei und Grasgrün, das bis zu Gelb hinüber gehen. Sie sind schwungvoll und tupfenartig auf die ganze Fläche des Bildes aufgetragen. Es entstehen Farbemotionen im Betrachter und suggerieren für die Malerin die Kraft und die Unendlichkeit der Liebe. Vissi d’arte, vissi d’amore, singt die Sängerin Tosca in der gleichnamigen Oper Puccinis, die mit ihrer Eifersucht und Unvernunft Toscas zur Drama führt. Manuela Kreibig-Wentzel betont mit ihrem Bild die künstlerische Reinheit dieses weiblichen Charakters, der großzügig bis zu seinem Tode liebt.

Violetta

Verspielt und tänzerisch werden hier die Farben in verschiedenen Farbtönen verwendet, die einige Blumen mit zahlreichen Blütenblättern suggerieren. Die Blume ist das Symbol der Weiblichkeit und der Vergänglichkeit. In Verdis Oper La Traviata, der an den Roman die Kameliendame angelehnt ist, ist Violetta die weibliche Inspiration dieses Gemäldes. Zauberhaft und kokett nach außen – zerbrechlich und krank im Inneren, ist Violetta wie eine Blume, eine Kamelie, schön und vergänglich.